Was hat Yoga mit dem Nervensystem zu tun?

Yoga kann weit mehr sein als Bewegung und Dehnung. Atem, Bewegung, Körperwahrnehmung und Aufmerksamkeit können beeinflussen, wie wir Aktivierung und Ruhe erleben. Aber was hat das eigentlich mit unserem Nervensystem zu tun?

Vielleicht kennst du diese Erfahrung: Du kommst angespannt in eine Yogastunde. Der Tag beschäftigt dich noch, die Gedanken laufen weiter, der Atem ist vielleicht etwas flacher als sonst.

Nach der Stunde hat sich etwas verändert.

Vielleicht fühlst du dich ruhiger. Dein Atem ist freier geworden. Die Gedanken sind weniger drängend oder du spürst deinen Körper wieder deutlicher.

Diese Erfahrung ist nicht ungewöhnlich. Und sie führt zu einer interessanten Frage:

Yoga und Nervensystem – eine alte Erfahrung mit einer modernen Erklärung

Was passiert beim Yoga eigentlich mit unserem Nervensystem?

Yoga ist ein jahrtausendealtes Übungs- und Erfahrungssystem. Die Menschen, die frühe yogische Praktiken entwickelten, kannten weder Sympathikus und Parasympathikus noch unsere heutigen Vorstellungen vom autonomen Nervensystem.

Sie beobachteten aber sehr genau, wie Körper, Atem, Aufmerksamkeit und mentale Zustände miteinander zusammenhängen.

Deshalb spielt der Atem in vielen Yogatraditionen eine zentrale Rolle. Körperhaltungen, Atemübungen und Meditation wurden dabei nicht als voneinander völlig unabhängige Praktiken verstanden.

Heute betrachten wir diese Erfahrungen mit einem anderen Wissen.

Die moderne Physiologie zeigt, dass Atmung, Bewegung, Aufmerksamkeit, Emotionen und Stressreaktionen tatsächlich eng miteinander verbunden sind. Die traditionellen Vorstellungen des Yoga und die moderne Neurowissenschaft sind deshalb nicht dasselbe – und sollten auch nicht einfach gleichgesetzt werden.

Was bedeutet Nervensystemregulation überhaupt?

Aber sie betrachten teilweise dieselbe menschliche Erfahrung aus unterschiedlichen Perspektiven.

Wenn heute von „Nervensystemregulation“ gesprochen wird, entsteht manchmal der Eindruck, ein reguliertes Nervensystem sei vor allem ein ruhiges Nervensystem.

So einfach ist es nicht.

Unser autonomes Nervensystem passt viele körperliche Prozesse fortlaufend an das an, was gerade geschieht. Es unterstützt uns dabei, aktiv und leistungsbereit zu sein – und ebenso dabei, wieder in Ruhe und Erholung zu finden.

Wir brauchen beides: Aktivierung und Entspannung.

Regulation bedeutet deshalb nicht, möglichst ruhig zu sein. Vielmehr geht es um die Fähigkeit, flexibel auf unterschiedliche Anforderungen zu reagieren und anschließend auch wieder in einen anderen Zustand wechseln zu können.

Schwieriger kann es werden, wenn Stress über längere Zeit anhält und Erholung immer weniger gelingt. Wir fühlen uns vielleicht ständig angespannt, erschöpft oder können trotz Ruhe nicht richtig abschalten.

Yoga kann hier einen Erfahrungsraum bieten, in dem wir den Wechsel zwischen Aktivität und Ruhe wieder bewusster wahrnehmen.

Warum der Atem für das Nervensystem so interessant ist

Unser Atem nimmt eine besondere Stellung ein. Er läuft die meiste Zeit ganz von selbst – gleichzeitig können wir ihn bewusst wahrnehmen und beeinflussen.

Das macht ihn zu einer besonderen Verbindung zwischen bewussten und automatisch ablaufenden körperlichen Prozessen.

Auch unser momentaner Zustand zeigt sich häufig im Atem. Unter Anspannung kann er schneller oder flacher werden. In Ruhe verändert sich unser Atem ebenfalls.

Und diese Verbindung funktioniert auch in die andere Richtung: Über die Art, wie wir atmen, können wir Einfluss auf körperliche Prozesse nehmen. Besonders langsames, ruhiges Atmen kann beispielsweise Herzschlag und Prozesse des autonomen Nervensystems beeinflussen.

Das bedeutet allerdings nicht, dass es die eine Atemtechnik gibt, mit der wir uns jederzeit in einen entspannten Zustand bringen können.

Bevor wir den Atem verändern, lohnt es sich deshalb, ihn zunächst wahrzunehmen.

Wie atme ich gerade? Wo spüre ich die Atembewegung? Ist mein Atem frei oder halte ich ihn vielleicht unbewusst zurück?

Diese Aufmerksamkeit für den Atem ist im Yoga nichts Neues. Heute können wir jedoch besser verstehen, warum der Atem einen so unmittelbaren Zugang zu unserem körperlichen Zustand bieten kann.

Bewegung, Stille und Körperwahrnehmung

Yoga besteht nicht nur aus Atem und Ruhe. Auch Bewegung beeinflusst, wie wir uns körperlich und innerlich erleben.

Gerade bei Stress ist deshalb nicht automatisch möglichst viel Ruhe die beste Antwort. Manchmal hilft Bewegung dabei, Spannung abzubauen oder den eigenen Körper überhaupt wieder deutlicher wahrzunehmen. Und manchmal ist es gerade die Stille, in der wir bemerken, was eigentlich da ist.

Im Yoga wechseln wir zwischen diesen Erfahrungen: Bewegung und Nicht-Bewegung, Aktivität und Ruhe. Gleichzeitig richten wir unsere Aufmerksamkeit immer wieder auf den Körper und den Atem.

Regulation bedeutet auch, wahrnehmen zu können, was ich gerade brauche.

Genau darin liegt für mich eine besondere Qualität des Yoga: Wir müssen unseren Zustand nicht sofort verändern. Wir können zunächst lernen, ihn wahrzunehmen.

Was kann Yoga für das Nervensystem leisten?

Yoga kann Prozesse unterstützen, die mit Stressregulation, Erholung und Wohlbefinden zusammenhängen. Trotzdem wäre die Aussage „Yoga reguliert dein Nervensystem“ zu pauschal.

Menschen reagieren unterschiedlich – und nicht jede Yogapraxis ist in jedem Zustand gleichermaßen hilfreich.

Ich verstehe Yoga deshalb eher als einen Übungs- und Erfahrungsraum: Wir können wahrnehmen, was uns aktiviert, was uns beruhigt und wie Atem, Bewegung, Stille und Aufmerksamkeit unseren Zustand beeinflussen.

Mit der Zeit kann daraus ein feineres Gespür dafür entstehen, was wir in einem bestimmten Moment tatsächlich brauchen.

Und vielleicht ist das eine der wertvollsten Fähigkeiten überhaupt: nicht immer sofort etwas verändern zu müssen, sondern zunächst wahrzunehmen, was da ist.

Yoga für das Nervensystem im Studio 108 in Berlin-Pankow

Diese Sicht auf Yoga prägt auch meinen Unterricht im Studio 108 in Berlin-Pankow.

Besonders in meinem Format Yin Yoga & Atem verbinden sich ruhiges Yin Yoga, Atemarbeit, sanfte Bewegung, Meditation und Körperwahrnehmung. Dabei geht es nicht darum, möglichst entspannt aus der Stunde zu gehen, sondern unterschiedliche Erfahrungen von Bewegung und Nicht-Bewegung, Aktivität und Ruhe bewusst wahrzunehmen.

Ab September findet Yin Yoga & Atem wieder donnerstags von 19:30 bis 20:45 Uhr statt.

Wenn du bisher noch nicht bei mir im Yin Yoga warst, kannst du das Format im September mit 2 Terminen für 25 € kennenlernen.

Melde dich gern hier an: Yin Yoga & Atem


Quellen & weiterführende Literatur

Schleinzer A. et al. (2024): Effects of yoga on stress in stressed adults: a systematic review and meta-analysis. Frontiers in Psychiatry. Studie bei PubMed

Laborde S. et al. (2022): Effects of voluntary slow breathing on heart rate and heart rate variability: A systematic review and a meta-analysis. Neuroscience & Biobehavioral Reviews. Studie bei PubMed

Zaccaro A. et al. (2018): How Breath-Control Can Change Your Life: A Systematic Review on Psycho-Physiological Correlates of Slow Breathing. Frontiers in Human Neuroscience. Open-Access-Artikel


Über Judith Mateffy

Ich bin Judith Mateffy, Yogalehrerin, Ayurveda-Therapeutin und Heilpraktikerin und leite seit 2018 das Studio 108 in Berlin-Pankow.

Seit vielen Jahren beschäftige ich mich damit, wie Yoga nicht nur Beweglichkeit und Kraft fördern kann, sondern auch unsere Fähigkeit, mit Stress und Belastung umzugehen. In meine Arbeit fließen deshalb neben Yoga und Ayurveda zunehmend Erkenntnisse über das Nervensystem, Stressregulation und traumasensible Körperarbeit ein.

In meinen Kursen, Beratungen und Bildungsurlauben verbinde ich dieses Wissen mit konkreter Körper-, Atem- und Wahrnehmungspraxis – mit dem Ziel, Menschen dabei zu unterstützen, mehr innere Stabilität und Handlungsspielraum im Alltag zu entwickeln.